Reihe

10 März 2014

Warum Theaterwissenschaft wichtig ist #02

FormLos ist aktiv im Kampf gegen die Schließung des Leipziger Instituts für Theaterwissenschaft. Mit der Reihe „Warum Theaterwissenschaft wichtig ist“ nehmen wir unseren persönlichen Bezug in den Fokus und unterstreichen damit, warum die Schließung keine Option ist.

Heute: Felicia.
Als ich zum Studium nach Leipzig zog, war mein Kopf voll von jenen Vorurteilen über TheaterwissenschaftlerInnen wie sie zahlreich und nicht selten unter SchauspielerInnen kursieren: „TheaterwissenschaftlerInnen sind alle verhinderte SchauspielerInnen, die es an keine Schauspielschule geschafft haben und unbedingt irgendwas mit Theater machen wollen“.

Interessant ist, dass bei diesem Vorurteil nie die Theaterwissenschaft als solche im Vordergrund steht, sondern immer die Menschen, die das Fach studieren, degradiert werden.

Das legt die Vermutung nahe, dass viele Menschen – scheinbar auch manche Schauspieler – nicht wissen, was in dem Studiengang Theaterwissenschaft eigentlich vermittelt wird und zu welchen Berufen das Studium qualifiziert.

Über Umwege bin ich an dem Institut für Theaterwissenschaft in Leipzig gelandet, habe meinen Studiengang gewechselt und dort meinen Bachelor und Master absolviert. Die Inhalte, die ich dort in den letzten fünfeinhalb Jahren gelernt habe, haben mein Leben ebenso stark geprägt, wie die zahlreichen klugen, feinsinnigen, kreativen und liebevollen Menschen, denen ich dort begegnen durfte. Dass das Studium eine schöne Zeit war, innerhalb derer wesentliche berufsqualifizierende Inhalte erlernt wurden, können sicher sehr viele Menschen über ihr Studium sagen und somit ist es nichts, was Theaterwissenschaft als genuin auszeichnet.

Was aber in meinen Augen sehr besonders ist, ist die Tatsache, dass ich innerhalb meines Studiums Formen des Denkens kennenlernen durfte, die nicht nur die Sicht auf Theater als Kunstprodukt behandeln, sondern meinen Blick sowohl auf meine Lebenswirklichkeit als auch auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge geschärft haben. Vielleicht habe ich nicht so viele Antworten vermittelt bekommen, wie ich es mir wünschen würde, um sicher in die Berufswelt einsteigen zu können. Aber ich habe etwas gelernt, was viel wichtiger ist und mich zu viel mehr befähigt als einer Schule treu zu sein und mein Leben lang eine Lehrmeinung zu reproduzieren. Ich habe gelernt die Fragen zu stellen, die mich mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln unterschiedlichster Art ausgestattet, zu Antworten bringen.

Ja, es stimmt. Ich wurden dort nicht umfassend auf einen einzigen Beruf vorbereitet. Wir TheaterwissenschaftsabsolventenInnen müssen unsere Berufe – außer wir bleiben in der Wissenschaft – noch zu weiten Teilen beim Machen erlernen. Das macht mir manchmal Angst, weil es den Verdacht nahelegt, dass ich in all den Jahren nichts gelernt habe, das einen sofortigen „Nutzen“ hat. Aber die Angst schwindet schnell, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich Methoden gelernt habe, die mich für sehr viele unterschiedliche Bereiche qualifizieren, da wir durch unser Studium imstande sind uns schnell ein Bewusstsein über unterschiedlichste Gegebenheiten zu bilden.

Wir haben verschiedene Formen des Denkens gelernt, die Dinge zu hinterfragen, gänzlich neue Zusammenhänge erschließen, Verbindungen vollziehen und in Zeit und Raum reisen können. Diese Form des Denkens, Dinge von unterschiedlichsten Perspektiven und Zeiten und unter bestimmten Vorzeichen zu betrachten, ist elementar. Diese Sichtweise ist elementar für Theater, das ein Konglomerat unterschiedlicher Künste darstellt und immer etwas ist, das in eine bestehende Ordnung geholt wird. Aber nicht nur für Theater, was als solches gemacht ist, kann diese besondere Form der Sichtweisen als elementar erachtet werden, sondern ebenso sehr für das Leben, die Geschichte und die Zukunft.

Und hier liegt die Krux. Es werden immer weniger Menschen, die zu eben jenen Reflexionen imstande sind. Alles wird spezifischer, technisierter und dadurch kleiner und von einer umfassenden Lebenswirklichkeit isoliert. Wenn die Welt voll von Spezialisten ist, die sich alle auf eine Feinheit ihres Fachbereichs konzentrieren, wenn keiner mehr im Blick hat, was sich gegenseitig bedingt, was vielleicht an Neuem entstehen kann, wenn Felder überlagert werden, dann fällt nicht nur die Gesellschaft auseinander, sondern es verkümmert auch eine Form des Denkens, die die Geschichten der Menschen zu erzählen imstande ist. Nicht die linearen, gemachten Geschichten, sondern die sammelnden und schwimmenden. Die Geschichten, die losgelöst und transponiert werden können, um die Welt zu erklären.

Das, was Theaterwissenschaft wichtig macht, ist, dass sie durch die Vielfalt an Berufen, die wir ausüben können, niemals in ihrem vermeintlichen Elfenbeinturm verbleibt. Denn wir tragen das Denken hinaus in die Welt. Wir fügen es ein in das Theater, das wir inszenieren oder als DramaturgIn begleiten. In von Absolventen der Leipziger TW verfassten Texten für Zeitungen, Radio und Fernsehen sind Formen dieses Denkens und bestimmter dadurch gewonnener Sichtweisen ebenso enthalten, wie auf Internetblogs, Onlinemagazinen und weiteren virtuellen Plattformen. In den Performances und Stücken, die von TheaterwissenschaftlerInnen inszeniert, begleitet und gemacht werden, schwingt ein Wissen um Denkweisen und Zusammenhänge mit, ebenso wie es die Forschungen befruchtet, vorantreibt und wachsen lässt. Und es gibt noch verdammt viel zu forschen und es ist verdammt viel, was wichtig ist für die Gesellschaft, was diesen Forschungen inhärent ist.

Die Menschen in der Politik müssen begreifen, dass ein geisteswissenschaftliches Studium nur in erster Konsequenz etwas ist, das man „nur für sich macht, um für sich etwas zu lernen und zu verstehen“. Denn in zweiter Konsequenz befähigt es uns zu einem Denken, das allzu oft all jenen abgeht, deren Studium, Ausbildung und Tun in erster Konsequenz zu etwas befähigt, dass über das Bewusstsein dessen, der es tut, hinausgeht. So werden das Denken, die Kunst und eine Form des Miteinanders zugrunde gerichtet, die unser Leben als soziales Wesen generieren und lebenswert machen.

Um Theaterwissenschaft zu diesem „bewusstseinserweiternden Fach“ zu machen, reicht es nicht, am Leipziger Institut eine einzige Professur dafür zu haben. Denn es ist gerade die Diversität an Lehrmeinungen, anhand derer wir bereits innerhalb des Studiums erlernen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern dass man auf unterschiedlichen Wege, mit unterschiedlichen Werkzeugen zu unterschiedlichen „Wahrheiten“ kommt, die sich nicht einmal ausschließen müssen, alle eine Berechtigung haben und immer wieder neu zusammengesetzt oder von einer anderen Seite betrachtet jene Zusammenhänge bilden, die als neue Ergebnisse einen Status Quo der Gesellschaft abbilden. Jeder Bereich der am Institut für Theaterwissenschaft gelehrt wird, und mag er noch so nischenhaft und nichtig erscheinen, ist wesentlich, um ein Gesamtbild zu ergeben. Und jeder Teil ist wichtig, nicht weil der Inhalt unumstößlich ist, sondern die Form, die man benötigt, um den Inhalt zu durchdringen. Ein einzelner Mensch kann diese Vielfalt weder lehren, noch jede der Meinungen vertreten.

Es ist ja das Spannende, dass der Studierende sich aktiv mit dem Pluralismus der Lehren auseinandersetzen muss, um für sich jene Methoden herauszugreifen, die ihn auf seinen Weg bringen. Theaterwissenschaft, wie sie in Leipzig betrieben wird, kann nicht funktionieren, wenn nur eine Lehrmeinung und ein Forschungsschwerpunkt verbleiben. Wir brauchen die Reibung auch in der individuellen Auseinandersetzung mit einem Thema, um jene Energie zu erzeugen, die unsere Erkenntnisse vorantreibt.

Wenn der irrwitzige Plan wahrgemacht wird, das Institut für Theaterwissenschaft zu schließen, verliert die Welt mehr als sie begreift. Denn es sind eben keine verhinderten Schauspieler in diesem Institut, die „irgendwas mit Theater machen wollen“, es sind vielmehr Akteure der Welt, die aus diesem Theater versuchen, noch irgendetwas sinnstiftendes zu machen – und der Sinn muss auf den ersten Blick keinen Mehrwert haben.

Felicia war noch mit dem Verfassen der Masterarbeit beschäftigt, als sie bereits einen Vertrag als Regieassistentin an einem großen deutschsprachigen Stadttheater unterzeichnet hat. Die Stelle wird sie in der kommenden Spielzeit antreten.

Der Hintergrund: Am 14. Januar 2014 gab das Rektorat der Universität Leipzig bekannt, dass drei von insgesamt vier ProfessorInnenstellen des theaterwissenschaftlichen Institutes an der Universität Leipzig gestrichen werden sollen. Damit droht dem Leipziger Institut für Theaterwissenschaft die Schließung. Zahlreiche namhafte Personen aus Kultur und Gesellschaft haben sich bereits öffentlich dagegen ausgesprochen. Der Fachschaftsrat der Theaterwissenschaft demonstriert zusammen mit den Studierenden konstant und massiv. Und auch FormLos geht auf die Barrikaden. Wir schütteln den Kopf über soviel Ignoranz und Blindheit gegenüber einem Studiengang, der maßgeblich zur Sicherung einer vielfältigen, kreativen, pulsierenden und kritischen kreativen Szene nicht nur in der Stadt, sondern auch überregional beiträgt!

Jetzt die Petition für den Erhalt des Instituts der Theaterwissenschaft in Leipzig unterschreiben!



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