Reihe

24 März 2014

Warum Theaterwissenschaft wichtig ist #03

FormLos ist aktiv im Kampf gegen die Schließung des Leipziger Instituts für Theaterwissenschaft. Mit der Reihe „Warum Theaterwissenschaft wichtig ist“ nehmen wir unseren persönlichen Bezug in den Fokus und unterstreichen damit, warum die Schließung keine Option ist.

Heute: Linn.
„Und was ist das? Was macht man dann damit?“ Alle mal die Hand heben, die diese Fragen schon gestellt bekommen, gedacht und/oder gesagt haben! Früher winkten wir Theaterwissenschaftsstudenten lächelnd und Schulter zuckend ab angesichts dieser inflationär gestellten Frage. Heute sehen wir daran, wie groß der Legitimationsbedarf dieses Studiengangs ist. Alarmierend, dass wir uns überhaupt legitimieren müssen!

Warum habe ich mich damals dazu entschieden, Theaterwissenschaft zu studieren? Nun ja, aufgewachsen im Auenland (a.k.a. Thüringen) ist es immer mein einziger Wunsch gewesen, Medizin zu studieren (kein Scherz…). Aufgrund der unumgänglichen Erkenntnis, dass in diesem Bereich möglicherweise ein gewisses a priori gegebenes Talentdefizit meinerseits besteht, brach mein Weltbild zusammen. Was nun tun? Glückliche Zufälle konfrontierten mich zu dieser Zeit vor 10 Jahren zum ersten Mal mit einer Bühne und bald nahm mich der ansässige Amateurtheaterverein, theater-spiel-laden Rudolstadt, unter seine Fittiche. Das Spiel auf der Bühne, die Arbeit hinter den Kulissen, zu beobachten, wie Kunst entsteht und wie sie funktioniert, veränderten nicht nur meine Zukunftspläne, sondern vor allem mich als Menschen. Nach dem Abi und einem kurzen Umweg über ein Freiwilliges Kulturelles Jahr stand ich nun vor der Frage: Was mit dieser Erkenntnis anfangen? „Okay, irgendwas mit Theater machen!“ Ja ja, ich weiß: naiv, aber ein grundlegendes Bedürfnis!

 Ich gebe zu: Ich übte schon das eine oder andere Mal Kritik an meinem Studium. Welcher Student macht das nicht? Und es hat schon ein, zwei Semester gedauert, bis ich begriff, worauf ich mich eingelassen hatte, bis ich von den Erwartungen zurückwich, hier nach Lehrbuch und Fibel „Theater erklärt“ zu bekommen und eine Berufsausbildung zu erfahren. Denn abgesehen vom Geschehen auf gewissen Brettern, die ja mal irgendwas bedeutet haben sollen, werden wir hier in genereller Wahrnehmung geschult: „Die ganze Welt ist Bühne.“ Cheesy, dieses Zitat heranzuziehen, aber William hatte schließlich Recht. Unser Studium ist kein „Orchideenfach“, beschäftigt sich nicht mit elitären Hochkulturansprüchen und Vorstellungen von Kunst, die nur eine verschwindend geringe Prozentzahl der Gesamtbevölkerung tangieren mag. Jeder Mensch ist zu jeder Zeit mit theatralen Mechanismen konfrontiert, die wir studieren und versuchen, bewusst zu machen. Wir studieren zwischenmenschliche Strukturen, untersuchen gesellschaftliche Zusammenhänge und versuchen zu begreifen, warum Menschen so sind, wie sie sind. Wie könnte dies unwichtig sein? Wir sind Anthropologen, Psychologen und Gesellschaftspolitiker, Beziehungsberater und Sozialarbeiter, Genderbeauftragte und Kommunikationstrainer, Generationenforscher und vieles mehr und ganz nebenbei auch Theaterkritiker und Theatermacher. Was würde es für den praktischen Gegenstand des Faches bedeuten, wenn das theaterwissenschaftliche Institut geschlossen wird? Wäre dies nicht das offizielle Statement dafür, dass Theater es nicht wert ist, diskutiert und reflektiert zu werden, dass Theater generell unnötig ist, da es auf dem wirtschaftlichen Absatzmarkt keine Einnahmen einbringt? Wenn dabei allerdings die gesellschaftliche und menschliche Einnahmen-Ausgaben-Abrechung vergessen wird, dann können wir die Gürtel schon mal enger schnallen.

 Meine jetzige Bilanz: 6 Semester (Regelstudienzeit) Bachelor + bald 6 Semester (Zeit gelassen) Masterabschluss = 6 Jahre Theaterwissenschaftsstudium = ¼ Lebenszeit.

 Ich möchte davon absehen, eine Frau Rektorin persönlich zu beschuldigen. Aber angesichts derlei Aussagen wie „Wir versuchen, unsere Stärken auszubauen. Also nur das aufzugeben, was nicht die Substanz unserer Uni ausmacht,“ komme ich nur schlecht umhin, mich selbst persönlich angegriffen und beleidigt zu fühlen. Denn heißt das nicht: „Theaterwissenschaft zu studieren ist eine Schwäche. Deine letzten sechs Lebensjahre waren unnütze Zeitverschwendung.“ Vielen Dank.

Linn kann in diesem Jahr ihr 10-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Sie war fünf Jahre als Öffentlichkeitsreferentin Vorstandsmitglied des Thüringer Theaterverbandes und arbeitet als freie Mitarbeiterin u.a. als Dramaturgin und Öffentlichkeitsarbeiterin für den theater-spiel-laden Rudolstadt und den Bund Deutscher Amateurtheater. Auf den Ehrenamtspreis ihrer Heimatstadt, den sie für diese Arbeit verliehen bekam, ist sie schon ziemlich stolz.

Der Hintergrund: Am 14. Januar 2014 gab das Rektorat der Universität Leipzig bekannt, dass drei von insgesamt vier ProfessorInnenstellen des theaterwissenschaftlichen Institutes an der Universität Leipzig gestrichen werden sollen. Damit droht dem Leipziger Institut für Theaterwissenschaft die Schließung. Zahlreiche namhafte Personen aus Kultur und Gesellschaft haben sich bereits öffentlich dagegen ausgesprochen. Der Fachschaftsrat der Theaterwissenschaft demonstriert zusammen mit den Studierenden konstant und massiv. Und auch FormLos geht auf die Barrikaden. Wir schütteln den Kopf über soviel Ignoranz und Blindheit gegenüber einem Studiengang, der maßgeblich zur Sicherung einer vielfältigen, kreativen, pulsierenden und kritischen kreativen Szene nicht nur in der Stadt, sondern auch überregional beiträgt!

Jetzt die Petition für den Erhalt des Instituts der Theaterwissenschaft in Leipzig unterschreiben!



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