Reihe

04 Mai 2014

Warum Theaterwissenschaft wichtig ist #06

FormLos ist aktiv im Kampf gegen die Schließung des Leipziger Instituts für Theaterwissenschaft. Mit der Reihe „Warum Theaterwissenschaft wichtig ist“ nehmen wir unseren persönlichen Bezug in den Fokus und unterstreichen damit, warum die Schließung keine Option ist.

Heute: Laura.
Ein klitzekleines Pamphlet. Es kann pathetisch werden. Lesen auf eigene Gefahr. 

Nicht umsonst sitzt das Institut für Theaterwissenschaft im Rothen Colleg, einem ehemaligem theatricum anatomicum. Ein Ort an dem tieferliegende, verborgene und komplexe Schichten aufgeschnitten und geschaut werden.

Am Institut für Theaterwissenschaft Leipzig habe ich gelernt, gelacht, gedacht, geheult, geschimpft, gestritten, gestöhnt, geschlafen, gegrübelt, gefragt, geantwortet, mich gewundert, begriffen, bestritten, argumentiert, diskutiert, reflektiert, insistiert, differenziert, analysiert, hinterfragt, konkretisiert, kontextualisiert, historisiert, kritisiert, ironisiert, erkannt, vergessen, revidiert, referiert, recherchiert, zitiert, geforscht, gelesen, strukturiert, konzipiert, zugehört, gelauscht, gestaunt, geraunt, gezweifelt, angezweifelt, verstanden, nichts verstanden, schauen und glotzen zu unterscheiden gelernt, Freunde gefunden, Kollegen gefunden, Gleichgesinnte getroffen, Dozenten kennen und schätzen gelernt.

Hier bin ich schlauer und dümmer geworden. Weil ich gelernt habe – wie kompliziert es ist. Das hieß: Beiße dir die Zähne aus. Nimm dir Zeit und steig durch die Materie, dann kannst du etwas begreifen. Das kann dich Blut und Schweiß kosten, aber es wird es wert sein.

Manchmal bange ich mit meinem Theaterwissenschaftsstudium um meine Zukunft. Diese Furcht ist auch die Saat eines pestilenzialischen Trends, der gerne harte Fakten und virtuelles Geld preist. Nur unmittelbar verwertbares Instant-Wissen. Traurig ist das. Solch eine Gesellschaft beraubt sich ihrer Chancen und unterminiert einen wertvollen Teil ihrer Gesellschaft, der genauso wichtig ist wie andere. Theater als kulturelle, anthropologische, künstlerische, soziale und leibliche Praxis. Das ist nicht nur eine Randnotiz in Vermischtes. Den ‚Wert‘ dessen was wir schaffen, lässt sich nicht von jetzt auf gleich in Zahlen beziffern, er liegt vielmehr in einem prozessualem immateriellen Beitrag.

Menschen wie wir Leipziger Theaterwissenschaftler. Wir müssen das Rechnen erst wieder lernen. Wir können sicher auch keine Smartphones erfinden und ganz sicher lösen wir nicht die Krise des Klimawandels. Wissenstechnisch gesehen. Aber auch wir werden gebraucht. Jeder ist auf sein Spezialgebiet getrimmt. Aber ein Theaterwissenschaftler an der Uni Leipzig, der erfährt einen Rundumschlag an gesellschaftlich-sozial-philosophisch-kulturellem Wissen und DENKEN.

Wir erlangen einen Zugang zur Welt, der uns ihre zusammenhängende Komplexität und Kultur als zentralen Faktor darin erkennen und analysieren lässt. Einen Zugang, der uns sprachliche und konzeptuelle Reduktion ablehnen und Gegensätze als Teil des Selben betrachten lässt. Einen Zugang zur Welt, der Zeit und Raum fordert. Einen Zugang, der uns widerspenstig macht, weil wir alles anzweifeln, ausdiskutieren und überprüfen wollen. Einen Zugang, der uns lachen und weinen lässt, weil Leibliches als wesentlicher Teil des Menschen hier einen Platz hat. Einen Zugang, der uns selbst darin verortet. Einen Zugang, der kompliziert um die Ecke denkt und durch den wir schon mal auf die Idee kommen eine Klausur zu Körperwissen lieber zu tanzen als zu schreiben. Uns interessieren keine harten Fakten, wenn es denn überhaupt welche gibt. Sondern Kontexte. Widerstände. Krisen.

In der aktuellen bildungspolitischen Situation wird die Theaterwissenschaft in meinen Augen selbst zu einer Art Heterotopie – um mir mal mit Foucault zu behelfen. Das Leipziger Institut für Theaterwissenschaft ist ein anderer Ort, er ist der Universität entgegen gelagert. Hier werden Wege zu Forschungs- und Denkfreiheit eröffnet, hier (er-)zählt jedeR einzelne, hier erhalten wir Chancen, hier sind wir eine community. Die Theaterwissenschaft Leipzig widersetzt sich der Vereinheitlichung, dem reinkloppen und auskotzen, sie widersetzt sich ihrer Dezimierung. Hoffentlich mit Erfolg. Denn sie ist, soll bleiben, soll sein: Eine realisierte Utopie.

Laura reist gerade durch Schottland. Seit einem halben Jahr ist sie im Auslandssemester in Ayr, knüpft Kontakte und ist total flexibel. Wenn Sie im Sommer wieder zurück nach Deutschland kommt, bringt sie ihren großen Sack von Erfahrungen mit, auch wenn sie dann Übergepäck bezahlen muss.

Der Hintergrund: Am 14. Januar 2014 gab das Rektorat der Universität Leipzig bekannt, dass drei von insgesamt vier ProfessorInnenstellen des theaterwissenschaftlichen Institutes an der Universität Leipzig gestrichen werden sollen. Damit droht dem Leipziger Institut für Theaterwissenschaft die Schließung. Zahlreiche namhafte Personen aus Kultur und Gesellschaft haben sich bereits öffentlich dagegen ausgesprochen. Der Fachschaftsrat der Theaterwissenschaft demonstriert zusammen mit den Studierenden konstant und massiv. Und auch FormLos geht auf die Barrikaden. Wir schütteln den Kopf über soviel Ignoranz und Blindheit gegenüber einem Studiengang, der maßgeblich zur Sicherung einer vielfältigen, kreativen, pulsierenden und kritischen kreativen Szene nicht nur in der Stadt, sondern auch überregional beiträgt!

GROßE DEMO GEGEN DIE KÜRZUNGEN | 25.06.14 Uhr, Augustusplatz – HIN DA!

Jetzt die Petition für den Erhalt des Instituts der Theaterwissenschaft in Leipzig unterschreiben!



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